Wortakzente

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Fernweh. Ach.

Posted by Wortakzente/Kinderohren - 16. Oktober 2014

Sabine Olschners Blog Ferngeweht lädt zu einer Blogparade zum Thema Fernweh ein. Da bin ich gerne dabei, ist Fernweh zwar ein immer etwas schmerzliches, aber von mir auch sehr liebgewonnenes Gefühl.

Obwohl ich auch sehr gerne zu Hause bin und die Vorteile des Daheimseins durchaus zu schätzen weiß, ist Fernweh doch ein ständiger Begleiter meines Lebens. Ich bin neugierig, will etwas von der Welt sehen, fremde Menschen und Kulturen kennenlernen.

Als Schülerin bewarb ich mich beim Parlametarische Patenschaftsprogramm (PPP) für ein einjähriges USA-Stipendium. Ich wurde nur Zweite in meinem Wahlkreis und hätte ein Teilstipedium bekommen können – immer noch viel zu teuer. Also stand für mich fest, dass ich nach der Schule eine Weile als Au-Pair arbeiten würde. Aber wie sollte das funktionieren, wenn man nicht studieren wollte, sondern eine Ausbildung machen? Wie aus dem Ausland die ganzen Tests und Vorstellungsgespräche absolvieren? Deshalb blieb ich daheim. Als ich dann später doch noch studierte, arbeitete ich halbtags. Und als ich dann noch meinen Sohn bekam, hatte sich das Thema Studienaufenthalt an einer ausländischen Uni endgültig erledigt.

So konnte ich mein Fernweh nie anders stillen als mit ganz normalen Urlauben oder einmal einem Sprachkurs in Spanien, maximal vier Wochen lang. Aber ich habe meine eigenen Strategien entwickelt …

Ich liebe es, Urlaube zu planen und Fantasiereisen zu machen! Das ist fast schon so toll wie der eigentliche Urlaub. So viele Urlaube habe ich schon geplant, die ich nie durchgeführt habe, weil wir aus den verschiedensten Gründen spontan etwas ganz anderes gemacht haben. Wie viele Reiseführer schlummern in unseren Regalen, die wir nie in einem Urlaub benutzt haben? Egal, ich habe darin gelesen und bin in Gedanken gereist. Ich habe unter anderem Lateinamerikastudien studiert und natürlich träume ich von einem Aufenthalt dort. Machu Picchu ist der Name, der meine Fantasie am meisten zum Klingen bringt, aber auch nach Mexiko möchte ich, Bolivien, Argentinien, Chile … Stunden über Stunden habe ich schon über dem Atlas gesessen und perfekte Reiserouten ausgearbeitet. Ganz Amerika an der Westküste von Alaska bis nach Feuerland und an der Ostküste wieder nach Norden bis mindestens Brasilien – Zeit spielt in meinen Fantasien nicht die geringste Rolle.

Andalusien
Auch ein Sehnsuchtsziel: Andalusien

Ich lasse mich von Büchern in fremde Welten entführen, oft auch in fremde Zeiten. Auch das kann mein Fernweh eine Weile befriedigen. Ich habe gelernt, durch fremde Augen zu sehen, zu erleben und zu genießen!

Und natürlich fahre ich auch tatsächlich weg. Auch wenn ich mein Traumziel noch nicht erreicht habe, habe ich doch schon viel von der Welt gesehen, vor allem in Europa. Ich habe aber auch gelernt, dass es gar nicht unbedingt notwendig ist, weit weg zu fahren. Bisher habe ich fast immer, wenn ich weggefahren bin, begeistert festgestellt, dass ich irgendwann gerne einmal wiederkommen möchte. Neue Eindrücke gibt es schon um die Ecke. Und so schreibe ich dies in einem Ferienhaus im Teutoburger Wald, in dem wir in den Herbstferien einige Tage verbringen. Irgendwann werde ich bestimmt auch nach Peru und Mexiko kommen, aber bis dahin kann ich mich auch an anderen Orten erfreuen!

Externsteine
Vor wenigen Tagen: die Externsteine im Teutoburger Wald

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Irmgard Litten: Trotz der Tränen

Posted by Wortakzente/Kinderohren - 11. Oktober 2014

Hans Litten war Jurist im Berlin der 30er-Jahre. Er verteidigte zunehmend Menschen, die mit den aufstrebenden Nationalsozialisten aneinander geraten waren, viele Sozialisten und Kommunisten, auch die Opfer des SA-Sturmes von 1933. Dabei war er unermüdlich auf der Suche nach der Wahrheit und schaffte es so, dass viele seiner Mandanten freigesprochen wurden oder deutlich geringere Strafen bekamen als von der Staatsanwaltschaft zunächst gefordert. Mit seinem Verhalten machte er sich allerdings Feinde. Er besiegelte sein Schicksal – was damals niemand ahnen konnte–, als er 1931 Adolf Hitler in den Zeugenstand lud und in die Enge trieb. Hitler schwor auf die Verfassung und verhedderte sich anschließend in Lügen. Das vergaß Hitler ihm nie.

1933 wurde Litten, wie viele andere Juristen auch, verhaftet. Während manche Kollegen nach einiger Zeit wieder freikamen, scheiterten alle Versuche, Litten freizubekommen, an Hitler. Fünf Jahre verbrachte Litten in verschiedenen Gefängnissen und später auch KZ, darunter Buchenwald und Dachau. Manchmal, vor allem anfangs, durfte er lesen und schreiben, teilweise musste er trotz angeschlagener Gesundheit hart arbeiten. Er wurde gefoltert und gedemütigt, bis er sich schließlich 1938 in Dachau das Leben nahm. Seine Mutter Irmgard Litten setzte all die Jahre alle Hebel in Bewegung, um ihren Sohn freizubekommen. Sie hatte viele Kontakte, die sie nutzte, denen sie immer wieder auf die Nerven ging. So erreichte sie es, dass sie ihren Sohn phasenweise halbjährlich besuchen durfte. Sogar einen Besuch in Dachau setzte sie durch.

In ihrem Bericht schildert Irmgard Litten all ihre Versuche, ihren Sohn Hans freizubekommen. Sie berichtet, wem sie geschrieben hat, mit wem sie sprach, welche Antworten sie bekam. Aber auch, was sie durch Hans und durch entlassene Mithäftlinge über seine Behandlung und die Haftbedingungen im Allgemeinen erfahren hat und was sie bei ihren Besuchen sah. Durch ihre Hartnäckigkeit hat sie Einblicke erhalten, die anderen verwehrt blieben.

Mein Höreindruck ist zweigeteilt. Dem zweifellos wichtigen Vorwort von Rudolf Olden zuzuhören, fand ich schwierig. Ich habe mehrfach wieder von vorne angefangen, bis ich es endlich bei einer Autofahrt in einem Rutsch anhörte und dann auch bei der Stange blieb. Es ist eben nicht fürs Anhören geschrieben worden, der Verfasser war Jurist und drückt sich nicht immer ganz einfach aus. (Er starb, als sein Schiff, mit dem er emigrieren wollte, torpediert wurde.) Im Vorwort wird Hans Littens Arbeit vor seiner Festnahme geschildet, es ist also wichtig fürs Verständnis, konnte mich aber einfach nicht fesseln. Dann folgt Irmgard Littens Bericht, der mich von Anfang an nicht mehr losließ. Es ist sehr berührend, wie unermüdlich diese Mutter für die Freilassung ihres Sohnes kämpfte. Ihr war dabei sehr wohl bewusst, dass sie sich und ihre anderen Söhne in Gefahr brachte, aber das konnte sie nicht aufhalten. Mehrfach suchte sie beispielsweise den Kontakt zu Goebbels Geliebter, die sich wohl tatsächlich bei ihm für Litten einsetzte, aber scheinbar konnte selbst Goebbels in dieser Angelegenheit nichts erreichen. Irmgard Litten besuchte ihren Sohn in mehreren Gefängnissen und konnte selber sehen, dass er geschlagen und gefoltert worden war. So konnte sie energisch widersprechen, wenn ihr von offizieller Seite gesagt wurde, dass so etwas nicht vorkäme. Ohne eigenen Augenschein hätte sie all die Beschwichtigungen, die ihr erzählt wurden, womöglich geglaubt, so wusste sie von Anfang an, dass sie belogen wird. Ich war fasziniert von dieser starken, kämpferischen Frau, die ihren Sohn keine Minute aufgegeben hat – nicht einmal nach seinem Tod, als sie die Herausgabe seiner Leiche durchsetzte, sodass sie ihn beerdigen konnte.

Das Vorwort wird von Johannes Steck gesprochen, die Briefzitate Hans Littens von Gert Heidenreich und den Text Irmgard Littens von Patricia Litten, der Nichte von Hans. Alle lesen gut und ausdrucksvoll, aber besonders Patricia Litten hat es geschafft, mich zu berühren.

Ein ergreifendes, wichtiges Hörbuch!

Cover_Litten_TrotzderTränen

Irmgard Litten: Trotz der Tränen. uccello 2013. 3 CDs, 220 Seiten, Euro 17,90, ISBN 978-3937337517.

Zur Verlagsseite – bei Amazon

Ich danke dem ucello-Verlag für das Rezensionsexemplar!

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