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Latifa Nabizada: “Greif nach den Sternen, Schwester!” Mein Kampf gegen die Taliban

Posted by Wortakzente/Kinderohren - 22. September 2014

Latifa Nabizada ist eins von zehn Kindern einer in Kabul lebenden usbekischstämmigen Familie. Während die beiden ältesten Schwestern niemals eine Schule besuchen konnten, versuchen die Eltern, ihren weiteren Kindern, auch den Mädchen, eine gute Schulbildung zukommen zu lassen. Der Vater war als Offizier in der afghanischen Armee tätig, bis er 1980 als angeblicher Mudschaheddin plötzlich verhaftet wird. An diesem Punkt setzt der Bericht ein. Die Familie wird dadurch in große Not gestürzt, die Zeit ist prägend für das Mädchen. Während der sowjetischen Besatzung haben die Frauen in Kabul recht große Freiheiten. Sie hören Musik, tragen einen Schleier oder auch nicht und Latifa lässt sich zum Entsetzen ihrer Mutter eines Tages sogar die Haare sehr kurz schneiden. In der Schule erfährt sie von der Pilotenausbildung bei der Armee und erinnert sich an ihren Kindheitstraum zu fliegen. Zusammen mit ihrer nur 10 Monate jüngeren Schwester Lailuma fasst sie den Beschluss, Pilotin zu werden. Es stellt sich heraus, dass das gar nicht so einfach ist, denn die Ärzte, die die Flugtauglichkeitsuntersuchungen machen, sind nicht der Ansicht, dass Frauen fliegen sollten. Sie setzen sich jedoch gegen alle Widerstände durch und schaffen es tatsächlich, die ersten und sehr lange einzigen Pilotinnen Afghanistans zu werden. Sie fliegen Hubschrauber und werden vor allem für Transporte eingesetzt: Lebensmittel und Waffen in die umkämpften Regionen, Verletzte zurück nach Kabul. Doch als die Taliban Kabul erobern, müssen sie aus der Stadt fliehen …

Das Buch war in mehrfacher Hinsicht sehr interessant für mich. Es fasst es die Geschichte Afghanistans seit etwa 1980 gut zusammen. Obwohl ich schon mehrere Bücher gelesen habe, die zur selben Zeit in Afghanistan spielen und obwohl ich seit meiner Kindheit in den Nachrichten von den Kämpfen und Machtwechseln höre, ist es mir doch nie gelungen, mir genau zu merken, wer dort eigentlich wann an der Macht war. Nicht verwunderlich, wie mir bei der Lektüre klar wurde: Die umkämpften Städte und Regionen waren mal in der einen Hand, mal in der anderen, in jeder Stadt sah die Lage anders aus. Mal konnten die Frauen arbeiten, zur Schule gehen, tanzen, Musik hören und ohne Schleier gehen, mal mussten sie die Burka tragen, je nachdem, wer gerade an der Macht war und keineswegs immer im ganzen Land einheitlich. Es reicht bis in die heutige Zeit. Latifa drückt ihre Sorge (und die vieler Afghanen) über den geplanten Rückzug der ISAF-Schutztruppen aus, nach ihrem Empfinden wird ihr Volk im Stich gelassen. Die Sorge vor der Rückkehr der Taliban ist groß, dabei wünscht sie so sehr, dass auch ihre Tochter eine gute Ausbildung bekommen kann.

Außerdem mag ich Bücher über Frauen, die gegen die engen Konventionen ihrer jeweiligen Zeit und Gesellschaft bzw. Kultur aufbegehren, gegen alle Widerstände ihre Ziele erreichen und Pionierinnen auf ihrem Gebiet werden. Die Geschichte von Latifa und Lailuma Nabizada ist tatsächlich beispiellos. Sie setzen ihren Traum durch, aber um einen hohen Preis. Sie kämpfen auf verschiedenen Seiten, müssen wiederholt fliehen oder können jahrelang das Haus nicht verlassen. Erst als das US-Militär bzw. die ISAF-Schutztruppen im Land sind, können sie ihr altes Leben wieder aufnehmen. Die Schwestern haben sich gegenseitig in allen schwierigen Situation Kraft und Mut gegeben, es ist zu bezweifeln, dass sie es alleine geschafft hätten. Es ist jedoch bewundernswert, mit welcher Ausdauer sich die beiden Frauen durchgekämpft haben.

Aufgeschrieben wurde die Geschichte der afghanischen Pilotinnen von der Nahostexpertin und Focus-Mitarbeiterin Andrea-Claudia Hoffmann. Sprachlich finde ich das Buch nicht herausragend, ich bin auch gelegentlich über Fehler gestolpert, aber es lässt sich flüssig lesen. Oft ist es so spannend, dass ich ohnehin auf nichts anderes mehr geachtet habe, nur wissen wollte, wie es weitergeht.

Zwei Bildteile ergänzen den Text. Sie enthalten Bilder von Latifa und Lailuma als Kindern, während der Ausbildung, als Pilotinnen, weitere Familienbilder und Zeitungsberichte über die beiden. Ich mag so etwas gerne, weil es mir erleichtert, mir eine Vorstellung von dem zu machen, was ich lese. Besonders eindrücklich fand ich das Autorinnenfoto Latifas, auf dem sie für mich wie eine alte Frau wirkte, bis mir aufging, dass sie 1971 geboren wurde. Das harte Leben hat sich in ihrem Gesicht niedergeschlagen. Interessant auch, was sie heute macht: Latifa Nabizada arbeitet als Gleichstellungsbeauftragte für die afghanische Regierung, was sie wiederum zur Gegnerin der Taliban macht.

Für alle, die sich für Afghanistan interessieren oder für Biografien von Frauen, die gegen alle Widerstände ihren Weg gegangen sind, ist das ein unbedingt empfehlenswertes Buch.

Cover_Nabizada_GreifnachdenSternen

Latifa Nabizada, Andrea-Claudia Hoffmann: “Greif nach den Sternen, Schwester!” Mein Kampf gegen die Taliban. Knaur 2014. 304 Seiten, Euro 19,99, ISBN 978-3-426-65546-7.

Zur Verlagsseite – bei Amazon

Ich danke Knaur für das Rezensionsexemplar.

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Katharina Schendel: Die Dunkelgräfin und die Kokosnuss

Posted by Wortakzente/Kinderohren - 16. September 2014

Da ich seit 15 Jahren in Thüringen lebe, weiß ich um die Vermutungen um die Identität der sogenannten Dunkelgräfin Bescheid. In einem Schloss in der Nähe von Hildburghausen lebte im 19. Jahrhundert eine Frau, die immer nur tief verschleiert in der Öffentlichkeit auftrat. Lange hielt sich die These, dass es sich um die Prinzessin Marie Thérèse Charlotte de Bourbon, die Tochter des hingerichteten französischen Königs Ludwig XVI. und seiner Frau Marie Antoinette gehandelt haben könnte. Vor Kurzem wurde erwogen, die sterblichen Überreste zu exhumieren, um eine DNA-Untersuchung durchführen zu können. Soweit die Realität. An dieser Stelle setzt der Krimi ein.

Hubertus Schmunck, im Ruhestand befindlicher Stadtchronist von Arnstadt, hält sich gerade in Hildburghausen auf, wo ein Symposium zur Dunkelgräfin stattfindet. Er erlebt, wie gespalten Bevölkerung und Experten in der Frage der Exhumierung sind, viele empfinden die Störung der Totenruhe als Frevel. Am zweiten Tag befindet er sich auf dem Weg von seiner Unterkunft zum Tagungsort, da wird ein paar Meter von ihm entfernt ein Mann von einer Kokosnuss am Kopf getroffen und bricht zusammen. Als er sich um den Verletzten kümmern will, stellt er fest, dass der Mann tot ist, es handelt sich um seinen Kollegen Zacharias Morgenstern, den Stadtchronisten von Hildburghausen. Die herbeigerufene Polizei erklärt umgehend, es habe sich um einen Unfall gehandelt, damit ist der Fall für sie erledigt. Das kann Schmunck nicht auf sich beruhen lassen. Er ruft seinen Freund, den japanischen Kriminalisten Takeo Takeyoshi zu Hilfe. Gemeinsam forschen die beiden nach und erkennen, dass einige Hildburghausener Dreck am Stecken haben. Sie machen sich Feinde, sodass sogar ihr Leben in Gefahr gerät, aber sie lassen sich nicht von ihren Nachforschungen abbringen, bis sie schließlich den Mörder gefunden und die Polizei überzeugt haben.

Die Kapitel sind abwechselnd aus der Sicht von Schmunck als Ich-Erzähler und aus der Sicht eines auktorialen Erzählers geschrieben, woran man sich schnell gewöhnt. Die beiden Hobby-Detektive, aber auch die anderen Beteiligten werden liebevoll mit ihren kleinen Eigenheiten und Marotten beschrieben. Das Detektiv-Team habe ich jedenfalls schnell ins Herz geschlossen. Da für Schmunck Essen sehr wichtig ist, wird jedes Menü detailliert erklärt – für mich zu viel, so genau muss ich nicht wissen, was gegessen wird. Allerdings eine schöne Werbung für Thüringer Küche … Da ich mich in Hildburghausen nicht auskenne, kann ich nicht beurteilen, wie genau die Beschreibungen der Örtlichkeiten mit den tatsächlichen Gegebenheiten übereinstimmen, aber ich gehe davon aus, dass man auf den Spuren der Handelnden durch die Stadt laufen könnte. Der ein wenig skurrile Fall, bei dem es mehr als eine Gelegenheit zum Schmunzeln gibt, wird plausibel aufgelöst. Ich fand den Krimi halbwegs spannend – nicht so, dass ich ihn nicht aus der Hand legen konnte oder Fingernägel abgeknabbert hätte, aber doch genug, um mich neugierig zu machen und bei der Stange zu halten. Auf jeden Fall ist der Krimi topaktuell, sogar das Ergebnis der DNA-Untersuchung kommt darin vor. Fazit: ein schöner Regionalkrimi.

Es ist der zweite Fall der beiden ungleichen Detektive. Ich glaube, den ersten Fall “Tod an der Gera”, der in Arnstadt spielt, also bei mir um die Ecke, werde ich jetzt auch noch lesen.

Cover_Schendel_Dunkelgräfin

 

Katharina Schendel: Die Dunkelgräfin und die Kokosnuss. emons 2014. Euro 9,90, 192 Seiten, ISBN 978-3-95451-379-6.

Zur Verlagsseite – bei Amazon

Ich danke dem emons-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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