Philipp Hedemann: Der Mann, der den Tod auslacht

Informativer Bericht aus Äthiopien

Als seine Freundin eine Stelle in Addis Abeba annahm, zog Philipp Hedemann mit ihr nach Äthiopien und arbeitete als Korrespondent und freier Journalist. In seinem Buch schildert er die Reisen, die er während des dreijährigen Aufenthalts unternahm. Dabei lernte er nicht nur die verschiedenen Städte und Regionen kennen, sondern auch sehr viele Menschen. Manche davon suchte er wegen ihrer Arbeit oder Funktion auf, viele lernte er aber zufällig kennen, zum Beispiel weil er sie unterwegs ein Stück mitnahm – als Anhalter zu reisen ist in Äthiopien eine übliche Fortbewegungsart. Kein Wunder, denn mit dem Bus zu fahren kostet nicht nur Geld, das viele nicht haben, wegen ihrer Fahrweise werden Busse Al-Qaida genannt.

In der Vorstellung der meisten Deutschen ist Äthiopien ein bitterarmes Land, die Bilder der Hungersnot, bei der 1984 bis 1985 eine halbe bis eine Million Menschen verhungerten, sind in den Köpfen noch sehr präsent. Hedemann will zeigen, wie das Leben dort wirklich aussieht. Viele Menschen sind auch heute noch bitterarm, doch es gibt auch viele Fortschritte und Hoffnung auf Verbesserungen.

Der Glaube spielt eine wichtige Rolle

Im Gespräch mit den Menschen lernt Hedemann viel über die Äthiopier, ihre Meinungen und Vorstellungen – und mit ihm lernen die Leser. Er besucht heilige Orte, von denen es in Äthiopien viele gibt: Dort wird angeblich die Bundeslade mit den zehn Geboten aufbewahrt, allerdings hat nur ein Priester Zugang dazu. Der blaue Nil wird als einer der vier Paradiesflüsse angesehen, die Felsenkirchen von Labelia sind ein Nachbau von Jerusalem. Manche Klöster sind nur zu erreichen, indem man an einem Seil eine steile Felswand emporklettert. An vielen Orten gibt es heiliges und damit heilendes Wasser und viele Wunderheiler, bei denen Kranke Schlange stehen, um sich mit dem eiskaltem Wasser überschütten zu lassen. Er spricht mit Mönchen, Heilern und Patienten und erfährt viel über ihren tiefen Glauben und die Beweggründe für ihr Handeln.

Am nächsten Tag war ich in der Morgendämmerung erneut auf dem heiligen Berg. Ich glaube, der Priester ahnte, dass ich nicht an die Kraft seines Wassers glaube. Um mir das Gegenteil zu beweisen, gebot er mir, mich auszuziehen. Blökende Schafe und zitternde Kranke beäugten mich neugierig, als der Priester den ersten Schwall Wasser über mich goss. Ich musste laut stöhnen. Ich glaube, es lag daran, dass das Wasser einfach saukalt war. Der Priester glaubt, es lag daran, dass das Wasser wirkte und irgendetwas mit meinem Stöhnen aus mir entwich.

Er trifft junge Menschen, die ein hartes Lauftraining machen, in der Hoffnung, einmal als Läufer zu Reichtum zu kommen. Er befragt Bauern, Schülerinnen, Militärangehörige, eritreische Flüchtlinge und Hotelpersonal. Er steigt auf den höchsten Berg und lernt unterwegs Kinder kennen, die in bitterer Not leben. Im Süden des Landes, in Shashamane, leben Rastafaris, die Haile Selassaie und Bob Marley anbeten. Ebenfalls im Süden leben die Mursi, deren Frauen sich die Lippen mit Tonscheiben erweitern und die zu einer Touristenattraktion geworden sind. Doch mit den Touristen kam auch der Alkohol, an ihrer Zurschaustellung verdienen sie wenig. Ihre Kultur und ihr Lebensraum sind extrem durch ausländische Investoren gefährdet, die Plantagen in der Region bauen wollen.

Lachkurse machen gesund

In Awra Ambas dürfen nur Atheisten leben. Jeder verdient dort gleich viel, den Menschen geht es vergleichsweise gut. Aber sie kennen weder freie Tage noch Feiern, ihr Leben ist recht freudlos. Auch in die Danakil-Wüste wagt sich Hedemann, in der ein Jahr vorher zwei deutsche Touristen entführt und mehr als sieben Wochen gefangengehalten wurden – und das, obwohl er mit einer der Entführten über die erlebten Schrecken gesprochen hat. Für den Titel des Buches ist der Lachweltmeister verantwortlich, der krank wurde, gegen seine Krankheit anlachte und nun Lachkurse gibt. Natürlich hat der Autor das auch ausprobiert.

Hedemann ist neugierig, beobachtet gut und schafft es dank seiner Begleiter, einen guten Zugang zu den Menschen zu bekommen. So erhält er tiefe Einblicke in das Leben der Äthiopier, ihre Vorstellungen, Wünsche und Träume. Zwar beschreibt er auch knapp die Sehenswürdigkeiten, aber sein Fokus liegt eindeutig auf den Menschen. Da Hedemann fesselnd und humorvoll schreiben kann, ist die Lektüre ein großes Vergnügen. Passagenweise sind seine Schilderungen sehr spannend zu lesen, mehr als einmal musste ich laut lachen, doch es gibt auch sehr traurige Stellen – er beschreibt eben das ganze Leben mit seinen Höhen und Tiefen.

Meine einzige Kritik: Ich hätte mir Fotos gewünscht.

Es handelt sich um die Neuauflage eines Buches von 2013 mit einem aktuellen Nachwort. Am Ende listet Hedemann einige Hilfsorganisationen auf, von deren guter Arbeit er sich vor Ort überzeugen konnte.

Fazit: Ein Buch, das ich allen empfehlen möchte, die mehr über Äthiopien lesen möchten als Berichte über die derzeitige Ernährungslage. Es gibt einen tiefen Einblick in Kultur, Glauben, Hoffnungen und Perspektiven der Äthiopier. 

Philipp Hedemann: Der Mann, der den Tod auslacht. Begegnungen auf meinen Reisen durch Äthiopien. Dumont 2017. 272 Seiten, Euro 14,99, ISBN 978-3-7701-8286-2.

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Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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