Nicole Knörr: Magere Jahre. Wie ich meine Essstörung überwand

Wenn ein Mädchen verschwinden will

Nicole Knörr war magersüchtig. Mit 13 Jahren begann sie, immer weniger zu essen. Sie aß am Ende so wenig, dass sie schließlich als Notfall in eine Spezialklinik kam. Der Arzt, der sie untersuchte, konnte kaum glauben, dass sie mit ihrem geringen Bodymaßindex überhaupt noch leben konnte. Doch sie schaffte es. Sie wurde behandelt, nahm wieder zu, konnte wieder zur Schule gehen – und wurde zweimal rückfällig. In ihrem Buch schildert sie ihren harten Kampf zurück ins Leben.

Bis Anfang Juni nahm ich pro Tag nie mehr als 600 Kilokalorien zu mir und mein Body-Mass-Index war auf 13,5 gefallen. Bereits damals hatte ich einen Index von 14 unterschritten und hätte somit ohne meine Einwilligung von einem Arzt in eine Klinik eingewiesen werden können, jedoch reagierte weder jemand in der Schule noch meine Familie. Vielen fiel es auf, dass ich wieder immer dünner wurde, und trotzdem hinderte mich niemand daran, weiterhin so wenig zu essen und gleichzeitig sportlich so aktiv zu sein.

Ehrliche Schilderung einer Leidensgeschichte

Wie kam es, dass Nicole magersüchtig wurde? Meistens steckt hinter einer Magersucht ein gestörtes Körperbild (Körperschemastörung). Nicole aber fühlte sich nie zu dick. Sie kommt aus einer Familie, in der immer auf gute Ernährung geachtet wurde. Dennoch erlebte sie ein gestörtes Essverhalten. Bei Stress und Problemen erklärten ihre Eltern, keinen Appetit zu haben und aßen dann nichts. Nicole erwähnt wiederholt ein traumatisches Erlebnis (auf das sie nicht näher eingehen möchte), über das sie mit niemandem reden konnte, weil sie sich nicht traute und keine Worte dafür fand. Sie wollte nicht abnehmen, um dünner zu sein, sondern um irgendwann zu verschwinden. Dazu kam, dass sie einen sehr starken Willen hatte. Und so machte sie immer mehr Sport und aß immer weniger. Zum Schluss nahm sie täglich nur noch 300 Milliliter fettfreie Bouillon zu sich!

Nicole schildert, wie sie ihre Ernährung immer mehr reduzierte, wie sie ihre Familie täuschte und Ärzte austrickste. Wie sie wieder zurück ins Leben wollte, zunahm und irgendwann die Verlockung doch wieder zu groß wurde, immer weniger zu essen. Schließlich entwickelt sie eine andere Essstörung, eine Bulimie.

Am Ende des Buches klärt die Psychotherapeutin Sylke Aust, die auf Essstörungen spezialisiert ist, über die Krankheit auf und gibt Tipps für Betroffene und Angehörige. Dabei geht sie immer wieder auf Passagen aus dem Buch ein und erklärt Nicoles Handeln.

Erschütternde Lektüre

Gleich vorab: Das ist ein heftiges Buch. Ich war erschüttert, wie Nicole mit sich und ihrem Körper umging. Was mich aber wirklich fertigmachte, war, wie ihre Umwelt reagierte oder besser: nicht reagiert. Ihre Mutter und ihre Schwester trauen sich zuerst nicht, mit ihr darüber zu sprechen, später sind sie wohl auch zu erschöpft, um Nicoles Verhalten anzugehen. Eine Lehrerin ist es schließlich, die die Initiative ergreift. Auch später gibt es immer wieder Situationen, in denen ich es nicht fassen konnte, dass die Mutter nichts tat, schließlich hatte sie das alles schon einmal erlebt. Ich konnte verstehen, dass das für die Angehörigen sehr schlimm ist und sie manchmal nicht mehr können, aber das Wegschauen nahm hier schon krasse Ausmaße an. Die Mutter beschwerte sich sogar bei ihrer Tochter, dass sie die Krankheit so viel Zeit und Kraft kostete.

Heftig auch die Ahnungslosigkeit mancher Ärzte. Eine Hausärztin, die ihre Gewichtszunahme kontrollieren soll, wiegt sie in Kleidung und merkt nicht, dass sie immer mehr Lagen trägt und sich schwere Sachen in die Tasche steckt. In der Klinik schaffte Nicole es, morgens vor dem Wiegen literweise zu trinken, um früher entlassen zu werden. Auch krass, dass sie trotz (oder eigentlich wegen) ihres äußerst extremen Untergewichts zunächst nicht einmal einen Platz in einer Klinik bekam und die Psychiater, zu denen sie ging, sich mit irgendwelchen Banalitäten zufrieden gaben, die sie ihnen erzählte, weil sie über ihr schlimmes Erlebnis nicht reden wollte.

Was mich besonders anrührte waren die Schilderungen, wie Nicole sich fühlte. Wie die Körpertemperatur sank (bis auf 34 Grad!), wie sehr sie fror, wie sehr ihre Gedanken nur noch ums Essen kreisten, wie sie unfähig war, sich zu konzentrieren, aber trotz allem irgendwie funktionierte, zur Schule ging und sogar (wie besessen) Sport trieb.

Ich habe lange gebraucht, um über dieses Buch zu schreiben, weil es mich so sehr berührt hat und sich erst einmal alles setzen und sortieren musste. Ich hatte mir gar nicht vorstellen können, was im Kopf eines magersüchtigen Menschen vor sich geht, warum sie handeln, wie sie handeln und mit welcher Konsequenz sie das tun. Das ist mir jetzt deutlich klarer geworden. Auf die Familie und ihr Umfeld war ich teilweise richtig wütend, weil ich ihr Handeln oder Nicht-Handeln nicht verstand. Es gab aber auch Passagen, die ich nicht ganz nachvollziehen konnte. Abgesehen davon, dass Nicole den Auslöser nicht nennen will, was ich verstehe und respektiere, hatte ich noch an der einen oder anderen Stelle das Gefühl, dass sie etwas nicht erzählen möchte. Vielleicht ist das ja auch so, das muss man akzeptieren, aber es führt eben dazu, dass manches nicht hundertprozentig schlüssig wirkte.

Die Erklärungen der Ärztin fand ich interessant, aber das ist sicherlich für Leser, die einen Magersüchtigen in ihrer Familie oder im Umfeld haben, noch wichtiger.

Fazit: Ein erschütternder Erfahrungsbericht einer Magersüchtigen, der helfen kann, die Krankheit und die Kranken besser zu verstehen.

Nicole Knörr: Magere Jahre. Wie ich meine Essstörung überwand. Mit Expertentipps. Patmos 2017. 184 Seiten, Euro 19,00, ISBN 978-3-8436-0988-3.

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