Ulla Hahn: Wir werden erwartet

Zeitreise in die Bundesrepublik der 70er-Jahre

Mit dem vierten Band der Reihe findet Ulla Hahns Schilderung der Geschichte der Hilla Palm, der Arbeitertochter aus Dondorf am Rhein, ihren Abschluss.

Hilla könnte nicht glücklicher sein. Sie hat eine stabile Beziehung mit Hugo, ihrer großen Liebe. Beide schreiben an ihren Dissertationen, sie interessieren sich immer noch für Politik, gehen aber nicht mehr zu jeder Demo und diskutieren viel, auch über „Dendaoben“, also Gott. Am meisten liebt Hilla aber ihre Gespräche und ihre vielen Spielereien mit und über Sprache. In Rom verleben sie traumhafte Wochen. Doch dann geschieht etwas, was Hilla völlig aus der Bahn wirft und ihre Lebensplanung zerstört. Lange betäubt sie sich mit Medikamenten, bevor sie langsam wieder ins Leben zurückkehrt. Aber nun stellt sie vieles infrage: ihr bisheriges Leben, ihre Religion bzw. ihre Beziehung zu Gott, das Leben der Menschen, von denen sie umgeben ist, die Universität. Sie tritt einer Partei bei und zieht nach Hamburg, um dort ihre Dissertation mit einem anderen Thema neu zu beginnen. Auch die Beziehung zu ihren Eltern verändert sich.

An Abenden wie diesen erfuhr ich, wie sehr sprechen und denken in eins gehen. Wittgenstein, hätte Hugo kommentiert: Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt oder so ähnlich. Einleuchtend, gewiss. Aber so hautnah erlebt hatte ich das noch nie. Miterleben können, wie neue Wörter neue Erkenntnisse hervorbrachten und diese wiederum nach neuen Wörtern und neuen Kombinationen bekannter Wörter verlangten. Dass es keine Erkenntnisse geben konnte, ohne diese zur Sprache zu bringen, in Worte zu fassen. Zu fassen kriegen: wie eine Beute. Das musste gelernt werden. Das Lernen gewollt werden. (S. 348)

Eine ideologische Entwicklung

Gerne habe ich gelesen, wie es mit Hilla Palm, die ich in den drei vorangegangenen Bänden ins Herz geschlossen habe, weitergeht. Ich habe mich mit ihr gefreut und mit ihr gelitten. Aber ich habe beim Lesen nicht mehr die ganz große Begeisterung verspürt, die vor allem der erste Band in mir ausgelöst hat. Der Weg der jungen Hilla zu Büchern, ihre Beschäftigung und ihr Umgang mit Sprache waren es, die mich so fasziniert haben. Sprache spielt auch in diesem Band eine große Rolle, aber nun setzt sich Hilla nicht mehr mit ihrem heimatlichen Dialekt auseinander, sondern mit politischer Sprache und Parteiparolen. Ich muss gestehen, dass ich das gelegentlich ermüdend bis langweilig fand. Natürlich liegt das in Hillas Leben begründet, es gehört in dieses Buch, aber dennoch war es mir manchmal zu viel und ich habe die Diskussionen nur überflogen. Doch es gab auch Passagen, die mir sehr nahe gegangen sind. Das erste Drittel des Buches fand ich sehr stark, ebenso die Schilderungen ihrer Treffen mit alten Kommunisten, bei denen sie von deren Erlebnissen während der Nazi-Diktatur berichtet. Gerne habe ich auch über ihre Annäherung an den Vater und später die sich verändernde Beziehung zu ihrer Mutter gelesen. Der Bericht von ihrer DDR-Reise, die Hilla sehr ernüchtert hat, ist aus heutiger Sicht zwar nicht überraschend, jedoch amüsant.

Letztlich handelt ein großer Teil des Buches von Hillas politischen Idealen. Teilweise sind diese recht radikal, aber Hilla möchte die Welt verändern, verbessern und dafür ihre Fähigkeiten (Schreiben) und ihre Energie einsetzen (Diskussionsrunden, Plakate kleben). Dabei macht es ihr überhaupt nichts aus, zunächst einmal für die kleinen Dinge zu kämpfen wie einen Sandkasten, ohne dabei die großen Ziele aus den Augen zu verlieren. Sie hört und lernt vieles, was ihr wichtig ist und was sie niemals vergessen wird. Oft ist sie berauscht von dem, was sie lernt, erfährt und von dem Gefühl, in der Gemeinschaft etwas erreicht zu haben. Die Partei hat es geschafft, ihr, der verstörten, trauernden jungen Frau eine Familie zu sein und ihr Halt zu geben. Doch immer wieder erlebt sie auch Momente der Ernüchterung. Es ist gut zu sehen, wie die politischen Ideale einer jungen Frau nach und nach zerstört werden. Sie muss immer häufiger die Erfahrung machen, dass die Umsetzung von edlen Theorien im Alltag zum Scheitern verurteilt zu sein scheint. Die Menschen funktionieren so einfach nicht, manche sind nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, andere nur auf die Durchsetzung starrer Regeln. Abweichende Meinungen werden nicht geduldet, was schließlich dazu führt, dass Hilla schweren Herzens einen Schlussstrich zieht, was auch den Verlust von Freundschaften mit sich bringt.

Wie in den Bänden zuvor erfährt der Leser auch hier wieder viel über die Geschichte der Bundesrepublik, inzwischen in den 70er-Jahren. Willy Brandt, sein Kniefall in Warschau, das Misstrauensvotum und der Wahlkampf, der Radikalenerlass und die Baader-Meinhof-Gruppe (hier immer Bande genannt) bzw. RAF. Wie immer hat mir das gut gefallen, weil die historischen Ereignisse ganz anders wirken, wenn sie in belletristischer Form in das Alltagsleben eines Menschen eingebettet sind, als wenn man einen Sachtext über die wichtigsten Ereignisse einer Zeit liest. Vielleicht war das für mich ein wenig anders als bei den Vorgängerbänden, weil Hillas Leben inzwischen in einer Zeit angekommen ist, an die auch die eine oder andere persönliche Erinnerung habe, wenn auch aus kindlicher Sicht.

Immer wieder beeindruckend ist die Sprachgewalt von Ulla Hahn, die das Lesen zum Vergnügen macht. Dazu tragen auch die vielen Gedichte der Autorin aus dieser Zeit ein, die immer wieder eingeflochten werden. Besonders das Gedicht über ihren Vater ist sehr berührend. Hier wird auch die autobiografische Nähe besonders spürbar.

Fazit: „Wir werden erwartet“ ist ein gelungener Abschluss der Tetralogie, den ich trotz gelegentlicher Längen sehr gerne gelesen habe.

Band 1: Das verborgene Wort (2001, da habe ich an ein Blog noch nicht gedacht. Ich sollte es neu lesen und rezensieren, schließlich ist es, wie ich finde, der beste Teil der Reihe.)
Band 2: Aufbruch (2009, zur Rezension)
Band 3: Spiel der Zeit (2014, zur Rezension)

Ulla Hahn: Wir werden erwartet. DVA 2017. 640 Seiten, Euro 28,00, ISBN 978-3-421-04782-3.

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