Nadia Murad: Ich bin eure Stimme

Eine leider wahre Geschichte

Die Jesidin Nadia Murad lebte im Irak, bis der IS im August 2014 ihr Dorf überfiel, die Männer tötete und die Frauen und Kinder verschleppte. In diesem Buch erzählt sie ihre Geschichte.

Murad schildert zunächst ihre glückliche Kindheit und Jugend in Kocho, einem Dorf in der Nähe des Sindschargebirges. Zwar waren die Lebensverhältnisse ärmlich, besonders nachdem der Vater die Familie verlassen hatte, aber die große Familie hielt zusammen. Sie erklärt, was den jesidischen Glauben ausmacht und die traurige Geschichte der Religionsgemeinschaft. Schiiten, Sunniten, Kurden und Christen lebten in der Region. Zu den andersgläubigen Menschen in den benachbarten Dörfern bestanden teilweise recht gute Beziehungen, es wurde Handel getrieben, es gab jedoch auch Konflikte. Auch wenn alle für sich blieben, hätte sie niemals für möglich gehalten, dass ihnen in der Not niemand beistehen würde. Doch genau das geschah. Kocho wurde im August 2014 von IS belagert, schließlich eingenommen, ein Massaker an den Männer vollzogen, männliche Kinder aussortiert, um sie umzuerziehen und zu Kämpfern zu machen. Die Frauen wurden fortgebracht und später ebenfalls sortiert: Die älteren Frauen und die Mütter blieben zurück, was mit ihnen geschah, erfuhr Murad erst Jahre später. Die unverheirateten jungen Frauen wurden weggebracht, um eine sabiya eines IS-Angehörigen zu werden. Offiziell ist das eine Art Ehefrau, faktisch aber eher eine Sklavin.

Jeder kann es nachlesen – die Einzelheiten zum Umgang mit den sabaya sind in einem Leitfaden zusammengefasst, den die „Abteilung für Forschung und Fatwa des Islamischen Staates“ herausgegeben hat.

Das Leben einer sabiya war auch das Schicksal von Nadia Murat. Sie wurde gezwungen, zum Islam überzutreten und einem hochrangigen IS-Richter übergeben. Nachdem er von ihr genug hatte, gab er sie weiter. Mehrfach wechselte sie den Besitzer, wurde immer wieder vergewaltigt und misshandelt, bis ihr schließlich eine abenteuerliche Flucht gelang. Heute setzt sie sich als UNO-Sonderbotschafterin für jesidische Frauen ein.

Schilderung eines Völkermords

Vermutlich erinnert sich jeder an die Bilder der verzweifelten Jesiden, die ins Sindschar-Gebirge geflüchtet waren und dort vor den Augen der Welt zu verdursten und zu verhungern drohten. Durch dieses Buch habe ich auch die Vorgeschichte dazu kennengelernt und, was ich besonders interessant fand, einiges über die jesidische Religion und Kultur erfahren. Da die Jesiden im Gegensatz zu Moslems oder Christen keine heilige Schrift haben, gelten sie dem IS als besonders minderwertig.

Sehr berührend schildert Murad ihr Schicksal und das ihrer Familie und ihrer Freundinnen – mehr als 40 ihrer Familienmitglieder wurden getötet. Obwohl sie sehr eindringlich schreibt, geht sie nicht zu sehr in Details, was ich als sehr angenehm empfand. Ich konnte auch so verstehen, was geschehen war. Sie findet es erstaunlich, dass das Interesse der Welt so sehr auf die jesidischen Frauen konzentriert ist. Natürlich findet auch sie es entsetzlich und grausam, was ihr und ihren Freundinnen angetan wurde, das spürt man in jedem Wort, aber sie möchte auch auf andere Schicksale aufmerksam machen: Jungen, die noch nicht in der Pubertät waren, wurden aussortiert, um sie umzuerziehen, zum Islam übertreten zu lassen und als Kämpfer einzusetzen, wodurch sie ihren Familien völlig entfremdet wurden, falls überhaupt noch Kontakt besteht. Fast alle männlichen Jugendlichen und Männer wurden getötet, ebenso wie viele der Frauen. Unter den Augen der Welt vollzog sich ein Völkermord.

Die Lektüre ist oft anstrengend, weil das Geschilderte so schrecklich ist, aber sie ist auch wichtig. Murad scheut sich nicht, die Namen der Beteiligten zu nennen, sodass ihr Buch Anklage und Zeugnis zugleich ist. Vielleicht kann es später einmal dazu beitragen, den einen oder anderen Schuldigen zu verurteilen.

Allen, die etwas über die jesidische Religion und Kultur erfahren wollen und die das Schicksal dieser kleinen Glaubensgemeinschaft im Irak interessiert, lege ich diesen schmerzlichen, aber überaus wichtigen Bericht ans Herz.

Fazit: Eindringliche Schilderung des Völkermords an den Jesiden durch eine junge Frau, der die Flucht gelang.

Nadia Murad: Ich bin eure Stimme. Das Mädchen, das dem Islamischen Staat entkam und gegen Gewalt und Versklavung kämpft. Mit einem Vorwort von Amal Clooney. Aus dem Englischen von Ulrike Becker, Jochen Schwarzer und Thomas Wollermann, Knaur 2017. 376 Seiten, Euro 19,99, ISBN 978-3-426-21429.

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