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Archiv für die Kategorie ‘Rezensionen’

Izabela Szolc: So dunkel die Nacht

Geschrieben von Wortakzente/Kinderohren - 13. Mai 2013

Von den traumatischen Erlebnissen am Ende des letzten Buches hat sich Kommissarin Anna Hwierut so weit erholt, dass sie ihren Dienst wieder aufnimmt. Eine junge Frau wird grausam ermordet, kurz darauf eine zweite. Anna ist die Erste, die von einem Ritualmord spricht, ihr Chef will zunächst nichts davon hören. Er zweifelt daran, dass Anna überhaupt wieder in der Lage ist zu arbeiten und macht es ihr zusätzlich schwer, sich auf ihre Aufgaben zu konzentrieren. Schließlich geschieht ein dritter Mord, zwischen den jungen Frauen scheint es keine Verbindung zu geben. Anna sucht verzweifelt nach dem Bindeglied. Schließlich gerät ein Kollege in Verdacht …

Wie auch schon beim ersten Fall „Ein stiller Mörder“ (zur Rezension) behandelt der Krimi mehrere Ebenen. Zunächst natürlich der Kriminalfall um die grausamen Mädchenmorde, in dem Hwierut den richtigen Riecher beweist und die richtigen Schritte unternimmt, zunächst gegen den Willen ihres Chefs. Gleichzeitig wird die Scheinheiligkeit der polnischen Gesellschaft beleuchtet: das Rotlichtmillieu, in dem auch Polizisten nicht nur beruflich zu tun haben; ein von Nonnen geleitetes Internat, in dem Mädchen vom Land eine Schulausbildung erhalten sollen, wo Probleme aber unter den Teppich gekehrt werden; scheinbar hilfsbereite „gute Bürger“, die sich einen guten Ruf erwerben, indem sie arme Mädchen unterstützen, die in Wirklichkeit jedoch ganz anderes im Sinn haben. Szolc zeigt, dass die Hoffnung der Mädchen vom Land, in Warschau ein besseres Leben zu finden, oft genug scheitert.

Eine wichtige Rolle spielt auch Anna Privatleben. Ihre Seele ist verletzt worden, nun versucht sie, wieder zu sich zu finden. Auf der Arbeit spielt sie die Starke, muss die Starke spielen, weil alle befürchten, dass sie einen Knacks bekommen hat und nichts mehr leisten wird. Vor allem ihr Chef ist ein Widerling ohne Verständnis, andere versuchen, nun schnell an ihr vorbei auf der Karriereleiter voranzukommen. Zu Hause muss Anna mit ihren Erinnerungen fertig werden. Sie vermisst ihren Sohn, sie sucht Hilfe beim Vater, einem pensionierten Polizisten, der ihr auch Tipps für ihren Fall gibt. Bei ihm bekommt sie auch die Fachliteratur, aus der immer wieder zitiert wird, beispielsweise das „Handbuch für Serienmörder“. Diese Zitate bringen einen zusätzlichen Blickwinkel ins Spiel, den des Experten von außen.

Ich fand den Krimi sehr spannend, auch wenn ich mich ab und an über die Vorgänge im Präsidium aufgeregt habe. Er ließ sich sehr flüssig lesen und ich habe ihn kaum aus der Hand gelegt. Geschickt legt die Autorin falsche Fährten, sodass ich über das Ende doch recht überrascht war. Er hat alles, was ein guter Krimi meiner Meinung nach braucht, ich kann ihn nur empfehlen.

Cover_Szolc_SodunkeldieNacht

Izabela Szolc: So dunkel die Nacht. Aus dem Polnischen von Barbara Samborska. Prospero 2013. 200 Seiten, Euro 12,95, ISBN 978-3-941688-30-8. Zur Verlagsseite

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Cornelia Vospernik: Genosse Wang fragt

Geschrieben von Wortakzente/Kinderohren - 24. März 2013

Dies ist wieder eine Rezension für Blogg dein Buch.

Genosse Wang arbeitet als Journalist bei der großen chinesischen Zeitung „Volksblatt“. Nicht nur während der Arbeit, sondern auch in allen anderen Situationen seines Lebens ist er auf der Suche nach dem passenden Wort, der passenden Formulierung. Er denkt, solange er nicht weiß, wie etwas „richtig“ genannt werden sollte, kann auch sein Leben nicht funktionieren. Er hält sich für unfähig zu lieben, für unfähig, ein normales Leben zu leben. Und er hat einen Traum: Er möchte bei einer Pressekonferenz eine Frage stellen, eine “echte” Frage, die Missstände aufzeigt und nicht vorher abgesprochen wurde – so wie die westlichen Journalisten. Aber es stellt sich heraus, dass das gar nicht so einfach ist …

Genosse Wang ist dem Leser sofort sympathisch, wie er da an seinem Schreibtisch sitzt, von Selbstzweifeln geplagt, auf der Suche nach dem richtigen Wort und betört von dem Geruch von Genossin Zhang, die den Mitarbeitern der Redaktion immer den Tee bringt. Wang wirkt nach außen angepasst und langweilig, doch in seinem tiefsten Inneren ist er ein Rebell. Tagelang schon formuliert er an einer Frage, die er auf der nächsten Pressekonferenz stellen will. Eine kritische Frage soll es sein. Wenn er dafür ins Umerziehungslager kommt oder ihm gar schlimmeres drohen sollte, egal! Er fühlt sich dermaßen bedeutungslos, dass er wenigstens einmal im Leben etwas machen möchte, was ihn aus der Masse heraushebt. Mit ihm zusammen erlebt der Leser, wie eine Pressekonferenz in China abläuft. Mit ihm zusammen schwitzt und bangt er, was wohl geschehen wird, wenn er seine Frage gestellt hat. Als dann plötzlich alles ganz anders kommt, möchte man ihn am liebsten trösten.

Es ist merkwürdig: Wang hält sich für eine gescheiterte Existenz. Doch je verzweifelter er ist, desto erfolgreicher ist er auch. Nicht unbedingt in seinen eigenen Augen, aber in den Augen der Gesellschaft. Er erfährt Lob von seinem Chef und Bewunderung von jüngeren Kollegen – und sogar die Journalisten aus dem Ausland kann er von seinem Mut überzeugen. Als Kind fühlte Wang sich wunderbar sauber, wenn seine Mutter ihn mit heißem Wasser und Seife geschrubbt hat, doch nun kann er sich waschen, so viel er will, rein fühlt er sich nie. Und vor allem nicht gut genug für die wundervoll duftende Zhang. Weil er nie wagt, die Menschen um sich herum genau anzuschauen, merkt er gar nicht, dass sie sich auch zu ihm hingezogen fühlt.

Genosse Wang fragt gewährt Einblicke in das Leben und die Arbeit der Presse in China. Dieser Aspekt des Buches ist interessant und, da er in einem ironischen Ton dargestellt wird, häufig auch amüsant. Besonders spannend fand ich die Überlegungen darüber, wie Einschränkungen der persönlichen Freiheit in China in Freiheiten in anderen Bereichen münden, weshalb beispielsweise viele kleine Gesetzesübertretungen wie Verkehrsvergehen im Gegensatz zu westlichen Demokratien in China nicht geahndet werden, oder Wangs Gedanken zur Pressefreiheit. Hier merkt man, dass die Autorin genau weiß, wovon sie spricht, war sie doch einige Jahre als ORF-Korrespondentin in China, wo sie sicherlich so manche Pressekonferenz miterlebt hat und Einblicke in das Alltagsleben der Chinesen gewinnen konnte.

Sogar noch interessanter war für mich jedoch die Schilderung des innerlich zerrissenen Wang, der sich viel zu viele Gedanken über alles und jedes macht, vor allem über das richtige Wort. Er ist ein psychisch kranker Mensch, die Frage ist, inwieweit die chinesische Gesellschaft für seinen Zustand verantwortlich ist. Seine Zerrissenheit ist gut beschrieben und nachzuvollziehen. Durch die gedanklichen Rückblicke erfährt man, warum er zu dem Menschen geworden ist, der er ist.

Nicht immer ist das Buch ganz einfach zu lesen, denn Wangs Gedanken schweifen oft ab, wandeln (manchmal etwas zu langatmig) zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Realität und Wunschdenken. Hat man sich jedoch erst einmal eingelesen, fiebert man mit dem Geschehen mit und drückt Wang die Daumen, dass es ihm gelingen wird, DIE richtige Frage zu stellen. Ob er es schafft, soll hier jedoch nicht verraten werden.

Gleichzeitig ein lesenswertes Psychogramm und ein gelungener Einblick in einen mir bisher unbekannten Aspekt Chinas, die Pressewelt.

Cover_Vospernik_GenosseWangfragt

Cornelia Vospernik: Genosse Wang fragt. K & S 2012, 192 Seiten, Euro 22,–, ISBN 978-3-218-00848-8. Hier geht es zur Verlagsseite und hier zur Bestellung.

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